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Als die Türen der S9 sich öffneten und David ausstieg, sah er etwas verschwitzt und zerknittert aus, doch sein Gesicht und die Körperhaltung waren mir so vertraut, wie es nur möglich ist, wenn man sich Jahr für Jahr täglich in der Schule gesehen hat. Kurz hatte ich das Gefühl, die Sommerferien seien heute zu Ende und gleich würde ich wieder mit David und den Anderen im Kursraum sitzen. Das Wetter passte perfekt zu diesem Tagtraum. Kein noch so kleines Wattebäuschchen trübte das Blau über dem alten Bahnhofsgebäude und die Sonne knallte so hartherzig auf uns herab, als wollte sie uns nach sechs Wochen Freiheit zurück in die Schule peitschen.
„Velbert - Langenberg. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts“, sagte David mit der unnatürlichen Betonung, die er noch frisch im Ohr hatte, und breitete theatralisch die Arme aus. Da wir beide sehr schwitzten, hoffte ich, er erwartete keine Begrüßungsumarmung und war froh, als er mir die Faust hinstreckte. „Alter, gut, dass ich nicht in Nierenhof aussteigen musste. Was ist das denn für ein schäbbiger Name!“ Ich lachte mit, dachte aber, nach acht Jahren wird er sich doch wohl noch erinnern, wie das Nachbarkaff heißt. „Warum genau sollte ich jetzt herkommen? Wir hätten uns doch auch in Essen treffen können!“ Typisch, kaum leben die Leute in der Großstadt, denken sie, es sei eine Weltreise hier in die Provinz. Die Strecke ist in die entgegengesetzte Richtung genau so weit, und wir waren sie immer wieder hin- und hergefahren, ins Kino, zum Einkaufen… Aber ich verscheuchte den miesepetrigen Gedanken. David war ja hergekommen, und ich merkte, wie sehr ich mich freute, ihn zu sehen. Übermütig rempelten wir uns an, als wir uns in Bewegung setzten, das Feeling unserer Teeniejahre juckte uns im Pelz.
„Ich muss eine Kurzgeschichte mit Bezug zu Velbert schreiben.“ „Du musst? Studierst du jetzt Germanistik oder was?“ „Nein, ich möchte eine Geschichte schreiben. Das Müssen meine ich nur in Bezug auf den Bezug…“ Fragezeichen in seinem Gesicht. Die hochgezogenen Augenbrauen ließen seinen Haaransatz zurückweichen. Doch älter geworden, dachte ich. „Also, die Stadt prämiert Geschichten, die was mit Velbert zu tun haben, mit Geldpreisen. Ich brauch ‘n neuen E- Bass… also versuche ich es mal. Es passiert hier nur nichts, seit ich mir das vorgenommen habe. Und da dachte ich, wenn
du dabei bist, vielleicht passiert dann hier wieder was, das ich aufschreiben könnte.“
„Hm hm,“ machte David ironisch. „Velbert, ja? Was ist mit dem alten Lokalpatriotismus? Langenberg ist ja viel schöner, eigentlich gehören wir ja gar nicht zu Velbert, bla bla…“
- „Ist doch jetzt scheißegal.“
Inzwischen standen wir auf dem Platz vor der Eisdiele, neben der Kirche, gegenüber der Kneipe - kurz gesagt, auf dem Nabel des Dorfes. Ich sah mich um. Irgendwie hatte ich gedacht, zu zweit würden wir sofort etwas entdecken, das zum Schlapplachen lustig ist...
„Ich hol uns n Eis.", sagte David. Als er mit zwei Hörnchen in der Hand wieder vor mir stand, konnte er es nicht fassen: Immer noch die gleichen Leute in der Eisdiele! Marco hatte ihn sogar erkannt. "Wer soll denn da sonst drin sein?", fragte ich. Da zeigte David hinter mich: „Ist das da deine schrullige, liebenswerte Nebenfigur?" Diesmal setzte ich das Fragezeichengesicht auf. "Nebenfigur?" – „Na, du schreibst doch über Langenberg... Velbert. In Filmen sind doch die verrückten Randfiguren immer die Publikumslieblinge. Til Schweiger lässt jemanden barfuß rumrennen, schon ist das Kunst. Hugh Grant hat einen etwas verwahrlosten, schwer an Frauen zu vermittelnden Mitbewohner oder eine Schwester, die gerne Stehzöpfe und orange Pullis trägt, da sind die Leute hin und weg. Ich dachte, den da hinten hättest du für deinen Text engagiert." „Nein, das ist Hans! Den kennt doch jeder!", sagte ich. Ein hoch gewachsener Mann in einem gelben Polyesteranzug mit Schlaghosen und einem Sombrero auf dem Kopf ging auf der anderen Straßenseite mit mehreren angeleinten Hunden vorbei. Ich hob die Hand, er grüßte zurück. „Hans zieht gerne mal bunte 70er Jahre- Anzüge an. Oder eine Lederhose. Und ausgefallene Kopfbedeckungen. Verschenkt selbst gebackene Waffeln oder geht mit Schwimmflossen in den Brunnen. Er findet, es müssen nicht immer alle alles gleichmachen. Finde ich eigentlich auch."
Wir schlenderten weiter, die Donnerstraße entlang zum Pferdemarkt, das Eis neigte sich seinem Ende zu. „Oh, wird es eine Kiffergeschichte?", wollte David wissen, als er unser Ziel erkannte. "Von wegen, da sind um die Uhrzeit nur Familien mit Tupperdosen voller Weintrauben und Keksen", sagte ich. „Du musst mehr wörtliche Rede in deiner Geschichte unterbringen. Das macht den Text lebendiger." – „Was hattest du nochmal in Deutsch?", nutzte ich das Stilmittel der rhetorischen Frage. Wir wussten beide, dass David das Reclamheft lieber mal ganz flach halten sollte. Aber er ließ nicht locker:
„Wörtliche Rede!"
„Mach ich doch."
„Nicht genug."
„Doch."
„Nein!"
„Du hast ja eh nichts Gescheites zu sagen. Außerdem denkt die Jury dann, ich mach das nur, um schneller die fünf Seiten voll zu kriegen."
„Ich hab einiges zu sagen."
„Was denn?"
„Du bist ganz schön alt geworden, Alter. In dein Gesicht gehören ein paar Gurkenscheiben."
„Und in dein Gesicht gehört ´ne Faust."
„Siehst du, solche Wortwechsel braucht dein Dramolett.", sagt David zufrieden.
Die Mittagssonne grillt den mit roter Asche bedeckten Bolzplatz am Pferdemarkt.
„Diese Stadt ist zu klein für uns beide.“ knurre ich.
„Deshalb fahre ich ja später wieder."
„Nein Mann, Western -Klischees, Duell!"
Jetzt versteht er. Wir stellen uns Rücken an Rücken, gehen gesenkten Kopfes zwölf Schritte auseinander.
„Zieh!" brüllt David, als er sich ruckartig umdreht.
„Friss Blei!" brülle ich zurück.
„Peng!“ brüllen wir beide.
Er fällt rücklings in den Staub, zuckt noch ein paarmal, bleibt reglos liegen. Mich hat es nur am Arm erwischt. Taumelnd setze ich mich hin, schiebe meinen Cowboyhut in den Nacken, stütze den verletzten Arm mit dem unversehrten. „Steh auf, Bill!", rufe ich David zu. „Das reicht alles nicht für das Kopfgeld, das der Sheriff dieses gottverlassenen Dorfs auf eine gute Story ausgesetzt hat." – „Hast Recht, Joe." David rappelt sich auf und klopft sich den Dreck ab. „Die Geier warten schon. Haben sich aber zu früh gefreut. Wir ziehen weiter." Betont männlich, nur mit dem Kinn, deutet er auf die Kinder, die ihr Sandspielzeug zerstreut in den Händen halten und mit offenem Mund zu uns rüber gucken.
„Peggy- Ann macht mir die Hölle heiß“, beklage ich mich, als wir über die kleine Brücke und die Treppe hinauf in den Wald gehen, „Zu spät zum Essen, Hemd kaputt, Arm im Arsch. Ich sollte heute Holz hacken…“ David pfeift MY NAME IS NOBODY, uns gehen langsam die Wild-West- Sprüche aus. „Lass uns doch nach Velbert rauffahren.“ schlägt er dann vor. „Vielleicht ist da was los. Und der Bezug zu Velbert wäre gegeben.“ – „Nee, das lohnt sich nicht mehr.“, sage ich. – „Warum? Es ist noch nicht mal halb drei.“ – „Weil man nur fünf Seiten schreiben darf. Maximum. Wir sind schon mitten auf Seite vier. Lass uns lieber durch den Wald gehen. Da ist es nicht so heiß. Und vielleicht machen wir ja einen GRAUSIGEN FUND, so heißt es doch immer, wenn jemand eine Leiche findet.“
Jetzt sind wir auf unserem alten Schulweg. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Das Grün der Laubbäume, das sich hoch über uns zu einem Dach schließt, ist mit nichts zu vergleichen. Ich überlege, ob es diesen Farbton woanders gibt. Ein Grün, das durch und durch lebendig aussieht und gesund. Es sind die verschiedensten Vogelstimmen zu hören, das entfernte Gejuchze der aus der Schockstarre erwachten Spielplatz- Kinder. Und von rechts kommt, als wir Gardinen Bender hinter uns gelassen haben, das Murmeln des Deilbachs. Ach, Deilbach, Rhein des kleinen Mannes! Du warst das Beste, was unser Schulhof zu bieten hatte. Du kühltest unsere geschundenen Füße im Sommer, nahmst in den großen Pausen so manchen zum Fußball geadelten Tennisball mit Dir, gabst Insekten und Amphibien Heimat und tränktest sie mit Deinem kostbaren Nass…
„Das ist ein Stilbruch!“ raunzt David mich von der Seite an. „Bisher hast du eher umgangssprachlich geschrieben, da kannst du dich jetzt nicht plötzlich so hochtrabend ausdrücken. Ein Text sollte in einem einheitlichen Stil gehalten sein.“ – „Ich weiß.“ , gebe ich zu, „Ich hab mich etwas vergaloppiert. Eigentlich wollte ich die Natur, Geräusche und so, beschreiben. Das muss man als Autor ja wohl auch können. Bisschen mood, Bisschen atmo, some vibes …“ „Hör auf, mir wird schlecht.“, sagt David. Anglizismen mochte er noch nie, good old Dave. „Ich habe übrigens auch mit den Zeiten nicht aufgepasst. Ist dir das entgangen, Dr. Klugschiss?“ - „Hä?“ – „Na, als ich dich am Bahnhof abgeholt habe, stand die Geschichte noch im Präteritum, Vergangenheit. Seit einiger Zeit schreibe ich in der Gegenwart. Hat sich so ergeben. Dein Tipp mit der wörtlichen Rede hat alles so viel lebendiger gemacht, you know? Da sind die horses mit mir durchgegangen.“ – „Ach halt die Klappe. Du gewinnst sowieso nichts mit deinem räudigen Text. Hier stimmt einfach gar nichts. Stilistisch eine Katastrophe. Und das Schlimmste ist: Es passiert
nichts. Gähnende Langeweile. Es ist nicht lustig, was du hier zu Papier bringst. Spannend auch nicht, keine Polizei weit und breit. Von schönen Frauen, großer Liebe oder schmutzigem Sex ganz zu schweigen. Und lernen kann man nichts aus deiner Geschichte. Velbert kommt noch nicht mal besonders gut weg. Ab in die Tonne damit.“
Missmutig trotte ich neben ihm her. Mein Ohrwurm, mit dem David mich gestraft hat, das Lalala und das Blockflötengepiepse aus der Filmmusik von NOBODY, passt jetzt gar nicht mehr und nervt nur noch. Ich wollte doch einfach nur ein paar Hundert Euro gewinnen. Dieser E- Bass ist so geil, gerade runtergesetzt, ich brauche jetzt schnell das Geld…. „Schon ` ne interessante Vorstellung, dass Zeit relativ ist.“ nimmt David den Gesprächsfaden wieder auf. „Was soll das denn jetzt?“ frage ich. Seine Gedanken haben offensichtlich einen ganz anderen Abzweig genommen als meine. „Ich hab diesen Film gesehen, EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE, solltest du dir angucken… Überleg doch mal: Wir laufen hier rum und erleben gerade etwas… mehr oder weniger. In einem anderen Universum liegt der fertige Text darüber aber vielleicht schon der Jury vor und jemand liest ihn gerade jetzt, in diesem Moment. Und in einem weiteren Paralleluniversum sitze ich noch in der Bahn. Oder fahre sogar ganz woanders hin.“ Ich stöhne. „Das ist mir zu hoch.“ Auf dem Waldweg, zwischen Gymnasium und Nizzabad, kommen uns zwei Frauen entgegen, in ein Gespräch vertieft. Die Größere hat einen schwarzen Hund dabei, die Kleinere scheint uns irgendwoher zu kennen. Jedenfalls bleibt sie stehen und sagt: „Da seid ihr ja! Genau so habe ich es mir beim Schreiben vorgestellt.“ Aus ihrer Tasche holt sie einen Briefumschlag, drückt ihn mir in die Hand und zwinkert mir im Weitergehen zu: „Wir haben den ersten Platz gemacht.“ Mit einer seltsamen Vorahnung im Bauch öffne ich den Umschlag. Darin sind 500€.