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Wappen der Stadt Velbert

Platz 1: Cibele Bender Raio

Velbert ist meine Stadt

Velbert ist meine Stadt

Ich habe meine Mutter oft von Velbert erzählen hören – einer Stadt in Deutschland, die sie als Kind besucht hatte. Sie sprach von der deutschen Kultur, dem Essen, den Orten, die sie gesehen hatte, und all den Erinnerungen, die sie dort gesammelt hatte. Für mich war Velbert lange nur ein schwer auszusprechender Name, der mir nie im Gedächtnis blieb. Für sie jedoch war es das Symbol eines unvergesslichen Sommers – die größte Erfahrung ihres Lebens.

Meine Mutter ist die Tochter deutscher Einwanderer. Meine Großmutter verließ als junges Mädchen den Osten Deutschlands, um über den Atlantik in ein neues Leben nach Südamerika aufzubrechen. In Brasilien lernte sie meinen Großvater kennen, der mit 17 Jahren aus Westdeutschland ausgewandert war, verlockt vom Versprechen des Fortschritts in Südamerika. In Rolândia, einer deutschen Kolonie im Süden Brasiliens, bauten sie sich als Kaufleute ein neues Leben auf.

Wenn meine Mutter über Velbert sprach, begann sie immer mit den Worten:
„Ich erinnere mich, dass mein Onkel in einem Haus in der Berliner Straße wohnte.“ Das war der Schlüssel zu ihrer Schatztruhe voller Erinnerungen. Danach folgten lebhafte Beschreibungen von Straßen, Geschmäckern und eindrucksvollen kulturellen Erlebnissen.

Ich lauschte ihren Erzählungen wie Märchen, denn Geschichten über ferne Orte faszinierten mich. Doch ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages den umgekehrten Weg meiner Vorfahren gehen und Velbert meine Stadt nennen würde.

Im Jahr 1975 – als Velbert sich mit Neviges und Langenberg vereinte und die Stadt wurde, die wir heute kennen – überquerte ein Brief den Ozean. In altdeutscher Handschrift und mit blauer Tinte geschrieben,  enthielt er eine unerwartete Einladung:

Liebe Familie,
wir leben in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen namens Velbert. Schon lange hegen wir den Wunsch, unsere Verwandten kennenzulernen, die vor vielen Jahren nach Brasilien gegangen sind.
Wir wissen, dass unsere Leben unterschiedliche Wege genommen haben und dass die Zeit uns zu Fremden gemacht hat. Aber Blut ist hoffentlich dicker als Wasser.
Wir schicken euch ein Flugticket, damit einer von euch kommen und unseren Traum erfüllen kann: einen nahen Verwandten bei uns zu haben.
Mit herzlichen Grüßen,
Walter und Elisabeth

Meine Großeltern konnten ihr Geschäft nicht verlassen. Der älteste Sohn war in medizinischer Behandlung und die mittlere Tochter studierte bereits an der Universität. So blieb nur die Jüngste, mit gerade mal 14 Jahren, um den Atlantik zu überqueren und die ferne Verwandtschaft in Velbert kennenzulernen.

Dieses junge Mädchen aus Südamerika war meine Mutter. Sie wusste kaum etwas über  diese Menschen in Velbert - nur, dass ihr Urgroßvater in den 1920er- Jahren mit seiner Frau und der einzigen Tochter nach Brasilien ausgewandert war, Brüder und Neffen in Deutschland zurücklassend. Die beiden Zweige des Stammbaums hatten sich nie wiedergesehen, und waren nur sporadisch über Briefe verbunden gewesen.
Bis zu diesem Moment.

Am 1. Juli trat meine Mutter mit ihren jungen Jahren alleine eine Reise an, die ihr Leben verändern sollte – und, ohne dass sie es wusste, das Schicksal zukünftiger Generationen.

Bei ihrer Ankunft empfing ihr Onkel Walter sie mit einem besonderen Geschenk: ein Tagebuch mit braunem Ledereinband und goldenen Seitenrändern. Dazu ein Füllfederhalter. „Schreib jeden Tag“, riet er ihr. „So wird deine Reise unvergesslich. Erinnerungen sind wie Sand zwischen den Fingern – wenn man sie nicht aufschreibt, entgleiten sie.

Und das tat meine Mutter:
„Ich bin in Deutschland angekommen! Fliegen ist fantastisch – von oben wirkt die Welt ganz klein. Am Flughafen habe ich zum ersten Mal einen Farbfernseher gesehen! Die Häuser sehen aus wie auf Weihnachtskarten, und überall stehen Volkswagen. Die Wohnung meiner Verwandten duftet nach Zimt und Kampfer.“

Am nächsten Tag zeigte Walter ihr die Stadt. In einem Juweliergeschäft in der Innenstadt kaufte er ihr ein silbernes Armband mit drei Anhängern: ein Löwe mit Schlüsseln, ein Schloss und eine Eiche. „Das waren einmal die Symbole von drei verschiedenen Städten“, erklärte er. „Heute gehören sie alle zu Velbert.“

Sie gingen zur Friedrichstraße. Auf dem Boden dort entdeckte sie eine goldene Eule. „Was ist das?“, fragte sie. Walter lächelte. „Das ist das Symbol der Weisheit. Komm, wir gehen in die Buchhandlung.“ Dort schenkte er ihr „Pippi Langstrumpf“, einen Klassiker der europäischen Kinderliteratur, der in Brasilien wenig bekannt war.

Jeder Tag brachte neue Entdeckungen. Auf Schloss Hardenberg sah sie zum ersten Mal Schwäne, im Kloster hörte sie die Glocken durch die Stadt hallen. Im mächtigen Mariendom bewunderte sie die moderne Architektur und in den alten Gassen verliebte sie sich in die schieferverkleideten Häuser mit ihren Blumenkästen.

Ihr Tagebuch füllte sich:

„Heute waren wir im Freibad! Ich habe Kirsch-Eis gegessen und in der Ferne eine riesige Brücke gesehen.“

„Wir waren auf dem Friedhof. Onkel Walter bringt immer Blumen zu einem Freund. ‚Wenn ich nicht komme, bekommt er nie welche‘, sagte er.
Ich habe Freunde der Familie kennengelernt. Sie haben eine Brauerei und schenkten mir eine Sammlung von Gläsern! Ich habe ein Mädchen kennengelernt. Wir werden Briefe schreiben, wenn ich wieder in Brasilien bin.“

Am letzten Tag schrieb sie:

„Ich vermisse euch jetzt schon. Aber hier zu sein war wundervoll. Ich hoffe, eines Tages zurückzukehren.“

So flog meine Mutter nach Brasilien zurück – mit einem Armband, einem Tagebuch, Geschenken und Freundschaften, die noch lange durch Briefe lebendig blieben. Bis eines Tages ein letzter Brief mit einer traurigen Nachricht kam, aufgrund dessen die Verbindung zwischen den beiden Familien erneut abriss.

Ich bin mit diesen Geschichten aufgewachsen. Sie gehörten allein meiner Mutter – kein anderer Verwandter hatte Velbert je besucht. Niemand lebte noch in der alten Heimat.

Bis ich im Jahr 2021 – fast ein Jahrhundert nach der Ankunft meiner Großeltern in Brasilien und ein halbes Jahrhundert nach dem Sommer meiner Mutter – den Weg zurückging. Mein Mann und ich beschlossen, in Deutschland zu leben, die Kultur zu erleben, die immer ein Teil unseres Lebens war, und dem Land unserer Wurzeln etwas zurückzugeben.

Das Haus in der Berliner Straße steht noch immer. Ich gehe durch dieselben Straßen wie meine Mutter. Manches ist geblieben, vieles hat sich verändert. Aber Velbert ist heute nicht mehr nur ein schwer auszusprechender Name oder eine Erinnerung in einem Tagebuch. Velbert ist der Ort, den ich gemeinsam mit meinem Mann als Heimat für meine Familie gewählt habe.

Velbert ist meine Stadt.